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  • AutorenbildRobin Hill

Häuschen am See

Aktualisiert: 7. März 2023

Mittlerweile sind es fast 50 Jahre, seit ein kleines Häuschen am See in den Besitz von Anna's Familie gekommen ist. In der dritten Generation haben wir deshalb das Privileg, mehrmals im Jahr einige Tage dort verbringen zu dürfen. Dies gab uns die Möglichkeit für tolle Beobachtungen, die wir oft auch mit der Kamera dokumentieren konnten. Wir geniessen die Zeit dort jedes Jahr noch etwas mehr, da nicht klar ist, wie lange das Häuschen tatsächlich noch dort stehen bleiben darf.


Bild 1: Häuschen in der Grande Cariçaie am Neuenburgersee


Weshalb? Es ist kompliziert. Die Kurzfassung (insbesondere der Behörden): Das Häuschen - zusammen mit knapp 300 anderen - steht am Rande/in der geschützten "Grand Cariçaie", dem grössten Schilfgebiet der Schweiz, am südlichen Ufer des Neuenburgersees. Schilfflächen, Auenlandschaften und Flachmoore - alle Teil der Grande Cariçaie - sind in der Schweiz im Verlaufe des letzten Jahrhunderts auf mickrige Restbestände geschrumpft. Umweltverbände und Behörden sind deshalb seit Jahrzehnten bemüht die Häuschen, die stellenweise über mehrere hundert Meter den See vom Flachmoor trennen, zu beseitigen. So weit so einleuchtend. Gerade solch raren Ökosystemen muss in der Schweiz unbedingt wieder so viel Platz wie möglich zugesprochen und Barrieren aufgehoben werden. Die Häuschenbesitzer:innen wehren sich bis anhin aber mit Händen und Füssen, um dieses Privileg nicht abgeben zu müssen. Und wir beide fühlen uns irgendwie eingeklemmt zwischen den Fronten...


Bild 2: Vogelperspektive der Häuschen in der Grande Cariçaie (Google Maps, 2022)


Die Geschichte ist nämlich komplizierter, als das Narrativ von "illegalen Bauten im Naturschutzgebiet". Die ersten rudimentären Häuschen wurden bereits in den 1920er-Jahren errichtet. Damals war dieses Gebiet noch kein ausgewiesenes Naturschutzgebiet, sondern viel mehr das Nebenprodukt eines massiven Eingriffs des Menschen, welcher das gesamte Seeland umgestaltet hat: die erste Juragewässerkorrektion Ende des 19. Jahrhunderts. Durch das Kanalisieren von Flüssen und das Entwässern von Sümpfen wurden damals grosse Flächen für intensive Landwirtschaft gewonnen. Durch das gezieltere Abfliessenlassen des Wassers, senkte sich auch der Pegel des Neuenburgersees und die Wassergrenze zog sich mehrere hundert Meter zurück. Und genau hier entstand über die nächsten Jahrzehnte die Grande Cariçaie, Rückzugsort für Arten, die anderswo verdrängt wurden. Ende der 1960er-Jahre wurde dieses neu entstandene Gebiet dann unter Schutz gestellt. Ein zusätzlicher Grund, welshalb die Häuschen weg müssen, war der Bau der Autobahn A1 zwischen Yverdon und Bern. Da die Autobahn damals quer durch geschützte Feuchgebiete geplant wurde, haben sich Kantone und Umweltverbände darauf geeinigt, als Kompensation die Feriendomizile am Neuenburgesee zu beseitigen. Rückblickend ein etwas seltsam anmutender Deal zu Gunsten von mehr Platz für Blechkolonnen...


Einerseits verstehen wir natürlich das Anliegen von Naturschützer:innen, ein solches Juwel bestmöglich schützen und diesem soviel Fläche wie möglich zusprechen zu wollen. Offensichtlich ist, dass die Häuschen, welche ab 1970 gebaut wurden (und dies sind oft die besonders massiven Bauten, die nichts mehr mit den charmanten "Hüttchen" von damals zu tun haben), tatsächlich illegal in ein geschütztes Gebiet von internationaler Bedeutung gebaut wurden (Ramsar-Abkommen über Feuchtgebiete, 1971). Auch die Kritik, die Häuschenbesitzer:innen tragen der einzigartigen Umgebung zu wenig Sorge, können wir ein Stück weit nachvollziehen: Viele der Gärten sind nach wie vor mit Neophyten wie Goldruten, Sommerflieder, Japanischem Knöterich, Tuja und Kirschlorbeer bestückt. Andere haben ihr Grundstück gefängnisähnlich mit Zäunen abgeriegelt, sodass für Wildtiere kein freier Durchgang zwischen der Kernzone des Naturschutzgebiets und dem See mehr besteht. Zudem findet man immer wieder Gärten, die mehr an einen Golfplatz als an ein Naturschutzgebiet erinnern - nicht gerade förderlich für die Biodiversität. Da viele der Häuschen nicht an die Kanalisation angeschlossen sind, bleibt zudem nur zu hoffen, dass den Besitzer:innen biologisch abbaubares Spühlmittel ein Begriff ist. Wobei Letzteres natürlich auch ganz grundsätzlich und für jede(n) gilt...!


Galerie 1: Impressionen rund um die Häuschen im Abschnitt "Grève de la Motte"


Andererseits gibt es unserer Erfahrung nach durchaus auch Besitzer:innen, die ihre Umgebung sehr wohl wertschätzen, sorgsam mit der Natur umgehen und die Umgebung der Häuschen naturnah pflegen. Dass Haubentaucher, Teichrohrsänger und Wasserralle in unmittelbarer Nähe zu den Häuschen ihre Jungen grossziehen, zeugt zudem davon, dass der Störfaktor der Urlauber:innen in den Häuschen zumindest begrenzt ist. Den Häuschen und ihren Bewohner:innen kann auch eine gewisse Pufferfunktion zugesprochen werden, da sie weniger geruhsame Tagesurlauber:innen durch ihre Präsenz davon abhalten, sich abseits der "Partystrände" an den Urlaubsknotenpunkten mit lauter Musik und Einwegplastik ins Naturschutzgebiet auszubreiten. Und zum Schluss stellt sich auch die Frage, ob es nicht zunächst ausgedehnte Einschränkungen für Bötchen und Stand-Up-Paddler:innen bräuchte, die teilweise ungeniert im Schilf Picknicken gehen - Brutzeit hin oder her (siehe Bild 3)...


Bild 3: Ausflugsboot ignoriert Schutzzone und dümpelt in Richtung Schilfgürtel


Natürlich sprechen wir hier mit der Brille von Menschen, welche die einmalige Möglichkeit haben, eines dieser umstrittenen Häuschen als Ausgangspunkt für ausgedehnte Fotoabenteuer zu nutzen und geruhsame Abendstunden, begleitet von den Liedern der Nachtigall und Laubfrösche, zu verbringen. Wir kennen die"Grève de la Motte", den Abschnitt der Grande Cariçaie in welchem "unser" Häuschen steht, beinahe inn- und auswendig. Wenn auch etwas widerwillig haben wir uns mittlerweile damit abgefunden, dass das Häuschen wohl eines Tages weichen muss. Zu gross ist der öffentliche Druck, zu uneinsichtig sind einzelne Häuschenbesitzer:innen was ihre Gartengestaltung anbelangt, zu oft schon wurde der Entscheid der Kantone definitiv und der Abrissbefehl erteilt. Und falls der Tag dann irgendwann tatsächlich kommen sollte, dient dabei als Trost, dass die einmalige Artenvielfalt mehr Platz erhalten wird. Es könnte schliesslich schlimmer sein. Zum Beispiel wenn die Häuschen statt einem Naturschutzgebiet einer (weiteren!) Autobahn oder einer Torfgrube weichen müssten...


Alle Bilder unseres Projekts "Grève de la Motte"

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